Isch bin de Obama – Hessischer Wahlkampf auf Facebook

So, jetzt ist es passiert: Der lange vorhergesagte Wahlkampf 2.0 ist auch bei mir angekommen. Die Spitzenkandidaten der “großen Volksparteien” für die hessische Landtagswahl belästigen mich auf Facebook.

Gesponserter Post: Plakatives Bild vs. unauffällige Integration

Ich habe jedenfalls nicht schlecht gestaunt, als Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) über einem großen wahlplakat-artigen Foto aus meiner Chronik glotzte und sich mit mir in Nidda treffen wollte.

Gesponserter Post von Volker Bouffier

Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) dagegen fügte sich einige Tage später nahtlos in meine Timeline ein – also ob Thorsten und ich befreundet wären – und versprach Informationen über “Gute Kinderbetreuung”. Die Informationen blieb er mir übrigens schuldig – ein Klick führte ganz allgemein auf seine Facebook-Seite.

Gesponserter Post von Thorsten Schäfer-Gümbel auf Facebook

Optischer Eindruck

Thorsten präsentiert sich auf Facebook – mit Bildern aus der Wahlplakat-Serie – in Anzug und Krawatte business-like. Mit weißen Schriftzügen auf petrol und pink irgendwie 90er. Der Blick auf dem Profil-Bild staatsmännisch in die Ferne gerichtet. Irgendwie erinnert der Look an Obama. 9.200 Personen gefällt das.
Ebenfalls im Wahlplakat-CI, zur Sicherheit ein und das selbe Bild sowohl als Profil-Bild wie auch als Titelbild verwendend, Volker Bouffier: lässig den Pulli über die Schulter, im Schriftzug “Obama 2012″ “Bouffier 2013″ die US-Flagge durch den hessischen Löwen ersetzt.

Persönliche Informationen

Volker Bouffier hält die persönlichen Informationen auf seiner Profilseite eher knapp: Ausbildung, berufliche Angaben, Geburtsdatum, Familienstand und Hobby (“Familie, Sport, Lesen” – So geben Sie sich in einer Bewerbung ein Null-Profil, habe ich neulich dazu irgendwo gelesen), politische Einstellung (“konservativ” – Nein???) und Geschlecht (“männlich” – jetzt keine Witze über stahlgraues Haar!). Das war’s.
Bei Thorsten Schäfer-Gümbel hat man sich da mehr Mühe gegeben: Lieblingszitate, -bücher, -filme und -fernsehsendungen (“Tatort” – Das freut die Internet-Gemeinde!) sollen ein persönliches Bild vermitteln. Mehrere berufliche Stationen die Qualifikation für den angestrebten Job beweisen.

Zahlen

Nach Zahlen führt Bouffier leicht: Er ist seit März 2009 auf Facebook vertreten und bringt es auf über 9.700 Fans. Schäfer-Gümbel startete einige Monate früher – im November 2008 – und hat wie gesagt etwas über 9.200 Fans gewinnen können. Dazu kommen 15.000 Follower von @tsghessen auf Twitter. Bouffier ist auf Twitter offenbar nicht aktiv.

Die Anzahl derer, die auf Facebook über die beiden Politiker reden variiert stark. An einem Tag steht es 4.000 zu 2.000 am anderen 1.200 zu 5.000. Offenbar nutzt man im Schäfer-Gümbel-Team konsequent das Wissen, dass Posts am Wochenende große Aufmerksamkeit erreichen können. Bei Bouffier passiert an einem Samstag oder am anderen Sonntag gerne mal nichts auf der Seite.

Im Vergleich zu den Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl ist das enttäuschend: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bringt es auf über 360.000 Fans, über 30.000 sprechen heute über sie.
Herausforderer Peer Steinbrück liegt weit dahinter mit nicht mal 52.000 Fans, aber immerhin über 20.0000 sprechen heute über ihn. Dafür ist Steinbrück auch auf Instagram, leider nicht mit dem Finger-Foto.

Ansprache der User

Wenig überraschend: Sowohl Bouffier als auch Schäfer-Gümbel nutzen Facebook hauptsächlich zur Dokumentation ihrer Wahlkampf-Aufritte in Bildern und Videos, zum Hinweis auf ihre Veranstaltungen und zu Wahl-Aufrufen.

Schäfer-Gümbels Profil wirkt text-lastiger. Bouffier packt Texte häufiger auf Bilder, wie es ja gerade modern ist. Bilder kommen halt besser an.

Einige Wahlkampf-Termine von Schäfer-Gümbel sind als Veranstaltungen angelegt. Das führt manchmal zu enttäuschenden Ergebnissen, wie 5 Gästen in Fulda-Eichenzell. Funktioniert bei größeren Events aber gut, wie dem TV-Duell mit über 1.300 Gästen oder der Wahl mit über 10.000 Gästen.
Bouffier hat es nur einmal, anlässlich des TV-Duells, mit einer Veranstaltung versucht und 280 Gäste erreicht.

Hashtags werden im SPD-Lager dagegen sparsam eingesetzt – vorsichtig ausgedrückt.

Volker Bouffiers Facebook-Account ist verifiziert, arbeitet mit Hashtags und wartet mit einer Netiquette auf (von der man ganz schlecht zurück zum Profil gelangt). Das wirkt seriös. Dazu passt, dass in besagter Netiquette wie auch in Posts gerne gesiezt wird.
Das ist auf Corporate Sites bei der direkten Anrede – “Machen Sie mit” – zwar nicht unüblich, wenn sich dies aber an eine betont junge Zielgruppe richtet – auf der verlinkten Website team.cduhessen.de scheinen alle CDU-Unterstützer kaum volljährig zu sein – wirkt das aber unpassend.

Interaktiv sind beide Profile nicht: Ich habe keine Antworten auf User-Kommentare gefunden. Eine echte Auseinandersetzung mit den “Fans” findet offenbar nicht statt.

Fazit

Beide Profile sind ganz ok. Richtig überzeugend finde ich sie aber beide nicht:

  • Die Fotos von Terminen haben Schnapp-Schuss-Qualität, sind weder lustig noch aussagekräftig und tranportieren Inhalte durch aufgeklatschten Text.
  • Videos finden sich eher selten und sind meist nicht nutzerfreundlich eingebunden.
  • Die Möglicheiten von Facebook werden nicht konsequent ausgenutzt: Veranstaltungen, Umfragen, Hashtags, Interaktion mit Usern
  • Eine explizite Strategie kann ich nicht erkenne: Hier wird im Business-Look geduzt, dort wird eine junge Zielgruppe gesiezt.
  • Aber vor allem: Das Profil des großen Social Media-Wahlkampf-Vorbilds Barack Obama sagt “Ich kann total gut zuhören” oder “Ich bin ein liebevoller Familien-Vater” oder “Ich bin der Führer der freien Welt”. OK, damit kann ein hessischer Landespolitiker schlecht mithalten. Aber die Profile von Bouffier und Schäfer-Gümbel sagen immer nur “Ich bin irgend so’n Politiker im Wahlkampf.”

Was soll das mit der Überschrift?

Wer so lange durchgehalten hat und sich immer noch über die Überschrift wundert, der erhält hier die Auflösung:

4 Gedanken zu „Isch bin de Obama – Hessischer Wahlkampf auf Facebook

  1. Schön beobachtet! Ein paar kleine Ergänzungen aus meinen eigenen Beobachtungen:
    - Offensichtlich geht das Schäfer-Gümbel-Team gerade in den Wahlkampf-Endspurt. Seit dem TV-Duell am Freitag hat sich die Zahl der Schäfer-Gümbel-Posts deutlich erhöht und ist auch deutlich höher als bei Bouffier. Das hat ihm viele Likes eingebracht – aber nicht so viele Fans: Seit Freitag hat die Zahl der Fans der Bouffier-Seite um rund 700 zugenommen, die der Schäfer-Gümbel-Seite um rund 300.
    - So gram muss die SPD aber dann doch nicht sein: ich finde, es hilft, die Anzahl der Facebook-Fans ins Verhältnis zu den zu erwartenden Stimmanteilen zu setzen. So gesehen aktiviert Schäfer-Gümbel tatsächlich mehr seiner Anhänger auch als Facebook-Fans.

  2. @Jan Eggers: Danke für die Ergänzungen! Ja, ich finde auch, dass der Ton beim Schäfer-Gümbel-Team seit dem TV-Duell deutlich bissiger geworden ist.

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